Die Sonne geht auf und taucht den Himmel in wärmendes Orange. Der Blick aus dem Hotelzimmer zeigt die Silhouette der Stadt mit viel Grün. Nina Schütz greift zur Kamera und macht ein Bild. Wie viele andere Reisende auch. Eine Erinnerung wie viele andere? Nein.
Nina Schütz ist mit ihrem Partner Toby Janner in einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Nicht gefangen, sondern freiwillig. Fast 50.000 Menschen lebten hier in Prybjat (Ukraine) vor 30 Jahren. Der 26. April 1986 war der Tag, der dort alles veränderte. Im Block 4 des Kernkraftwerks in Tschernobyl kommt es zur Nuklearkatastrophe. Am Tag danach müssen die Menschen ihre Heimat verlassen. Die Region wird evakuiert. Zurück bleiben Beton, Schrott und persönliche Gegenstände der Bewohner. Drei Jahrzehnte nach der Katastrophe gilt Prybjat als "heiliger Gral" für viele Fotografen, die sich den verlorenen Orten widmen und Vergangenes und Vergängliches für die Ewigkeit festhalten. Die Amberger Nina Schütz (22) und Toby Janner (42) sind zwei dieser "Lost-Place-Fotografen". Kellergewölbe, Ruinen, Bunker, verlassene Gebäude - die Liste der Motive ist lang. Eines ist allen gemeinsam. Sie sind fast vergessen. So wie das Leben der Menschen rund um Tschernobyl.
Über ein Jahr reifte der Wunsch der beiden in die Ukraine zu fahren. Im Oktober verwirklichten sie das Projekt. Verschiedene Unternehmen bieten geführte Fototouren in die heiße Zone an. Nina und Toby buchten. Ausgestattet mit jeder Menge Kameras, Objektiven, Stativen und Speicherkarten traten sie eine Reise ins nicht mehr schlagende Herz der Ukraine an. 17 Stunden Busfahrt von Berlin nach Kiew, eine Übernachtung und weitere 3 Stunden Fahrt nach Prybjat trennten die Amberger und weitere 16 Mitglieder der Reisegruppe vom Ziel "heiße Zone". "Anstrengend, sehr anstrengend", resümiert Toby Janner. "Einreise, Passformalitäten, Währungsumtausch - alles scheint ewig zu dauern." Grenzenloses Reisen wie innerhalb der EU ist in die Ukraine nicht möglich. "Auch da ist man in einer komplett anderen Welt." Nina und Toby berichten über ihre Unterkunft in Kiew ("Riesenhotel und am Abend war das Bier aus") und Tschernobyl ("Wir hatten das gute Zimmer") und die Menschen ("sehr freundlich, aber sehr harsch") dort. Nach einem Zwischenstopp in Kiew und einem Besuch im "Ukrainian National Museum of Chernobyl" folgte die Einführung in das, was in der heißen Zone wartet. "Die Regeln und Vorschriften standen auf zwei DIN-A4-Seiten", erzählt Nina Schütz. Nichts anfassen, nichts mitnehmen, nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen, nichts auf den Boden stellen. Das Wort "nicht" dominiert. Sicherheitsvorschriften für die Teilnehmer der Reise und für die Motive.
Am Eintritt zum militärischen Sperrgebiet am Checkpoint Detyatki übernahm ein Guide (Führer) die Gruppe. Soldaten bewachten das Drehkreuz in die Vergangenheit. Prybjat lag im Nebel. Nur langsam nahm die Stadt Form an, gab der weiße Schleier die Gebäude frei. "Gespenstisch. Faszinierend. Das Wetter passte genau zu den Motiven", berichtet Nina Schütz. Zerstörte Häuser und Hütten der Bewohner säumen den Weg. Verlassene Fahrzeuge rosten im Morgennebel weiter vor sich hin. Ab und zu waren Tiere zu sehen. Straßenhunde, Hirsche, Wildschweine, Füchse. "Die Natur holt sich langsam alles zurück. So muss es wohl sein, wenn der letzte Mensch verschwunden ist."
Die Tour ist genau geplant. Die Stopps sind genau festgelegt. Zwischen 30 Minuten und 3 Stunden haben Nina und Toby Zeit, Bilder zu machen. "Aussteigen und loslegen. Und vor allem weg von der Masse", beschreibt Nina Schütz die Taktik. "Die Zeit reicht sowieso nicht, um alles zu fotografieren, was man möchte." Sie will Bilder machen, die sonst keiner macht. "Es wurde ja schon alles fotografiert. Schon oft und immer wieder." Wenn der Guide nicht zur Eile und Vorsicht mahnt, macht das ein kleines elektronisches Gerät. Ein Dosimeter ist Pflicht für jeden Fotografen auf der Tour. Es zeichnet die Strahlung auf, der die Fotografen ausgesetzt sind, und addiert permanent auf. "An den Hotspots schlägt das Ding auch Alarm und reißt dich aus deinem Film", erzählt Nina. In Sichtweite erhebt sich bereits der Sarkophag, der über dem Reaktor die Strahlung abschirmen soll.
Einige Kilometer entfernt steht die ehemalige Radarstation. Das riesige Stahlskelett als Überbleibsel einer technologiegeprägten Region. "800 Meter lang, 150 Meter hoch, riesig, einfach nur riesig", erinnert sich Toby. Das Dosimeter schweigt, eine genauere Erkundung ist machbar. Über rostige Leitern erklimmt Toby die ersten Etagen des Stahlriesen. Nebel, Regen und schlechte Sicht machen einen Weiterklettern unmöglich. "Egal, Bilder und Erinnerungen bleiben. Es war einfach zu gefährlich für einen weiteren Aufstieg."
Mitten im Sperrgebiet liegt Prybjat. Verlassen, verrottend, verstörend. Hochhäuser aus Beton, zerbrochene Fensterscheiben, verblasste Farben erwarten Nina und Toby. Häuser, Wohnungen, Schule, Kindergarten, Krankenhaus scheinen fluchtartig verlassen worden zu sein. Zurück blieben die Einrichtung und persönliche Gegenstände. Habseligkeiten der Einwohner. Jede scheint eine kleine Geschichte zu erzählen. Die rostigen Bettchen im ehemaligen Kindergarten und im verlassenen Krankenhaus: verlorene Heimat für fast 15.000 Kinder. Der staubige Kopf einer Puppe, ein einzelner Kinderschuh: Denkmale ohne Glanz. Schulbänke mit Mathematik-Büchern: verblassende Zeugen einer lebendigen Gesellschaft.
Den Leninplatz, mitten in der Stadt, einst Treffpunkt der Menschen, gesellschaftliches und geschäftliches Zentrum für Tausende, erobert die Natur. Bäume durchbrechen Beton und Pflaster. In den Glasscherben der Fenster spiegelt sich die Abendsonne. Nina Schütz: "Faszinierend. Schrecklich. Irgendwie schön." Im Schwimmbad der Stadt ragt der Sprungturm wie ein mahnender Finger in die riesige Halle. Im Autoscooter im Vergnügungspark parken rostige Wägelchen für die Ewigkeit. Ein Riesenrad dominiert den Blick Richtung Osten. Wenige Tage nach der Evakuierung sollte es offiziell in Betrieb gehen. Es ist wohl nie jemand damit gefahren. Es wird wohl nie jemand damit fahren.
Fotokünstlerin Nina Schütz beschäftigt sich seit langem mit verlassenen Orten. Auf ihrer Facebook-Seite präsentiert sie die Bilder ihrer Touren. Über 20.000 Facebook-Nutzer haben die Seite abonniert. Für das Bild eines jüdischen Friedhofs erhielt sie den zweiten Preis beim Fotowettbewerb "Entlang der Goldenen Straße" des Lionsclubs.
Bei der Reise entstanden über 5000 Bilder. Sichten und bewerten wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Nina Schütz: "Das ist so unglaublich viel." Eine Auswahl der Motive will die 22-Jährige für eine Ausstellung zusammenstellen.
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