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Streit um den Marktplatz

Durch Neustadt am Kulm geht ein Riss

Story by Onetz March 1st, 2017

Es brodelt am Kulm: Seit zwei Jahren streiten Stadtrat und Anwohner um die Sanierung des Neustädter Marktplatzes. Die Gegner im 800-Einwohner-Ort setzen auf Widerstand - wie in der Großstadt.

Die kleinste Stadt der Oberpfalz, am Fuße zweier Vulkane, jahrhundertelang evangelische Exklave in erzkatholischer Nachbarschaft: Neustadt am Kulm (Kreis Neustadt/WN) ist anders. Und auch den Kulmstädtern eilt der Ruf voraus, besonders zu sein - besonders streitlustig. Seit zwei Jahren liefern sie Argumente für diese These. Es geht um die nächste Besonderheit im Ort: den Marktplatz.

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Ende 2014 hat der Stadtrat beschlossen, sich bei dessen Sanierung am Entwurf des Hamburger Architekten Felix Holzapfel-Herziger zu orientieren. "Zieht der Entwurf genügend Bürgerakzeptanz nach sich?", habe sich die Jury des Architekten-Wettbewerbs gefragt, hatte Bürgermeister Wolfgang Haberberger damals erklärt. Die Jury lag falsch, denn wenig später schloss sich ein Großteil der 75 Anwohner zur Interessengemeinschaft zusammen. Mit dem Ziel, die Umgestaltung zu verhindern. Trotz Workshops, Mediation, Plan-Nachbesserungen: Näher sind sich beide Seiten nicht gekommen, im Gegenteil. Seit November 2016 begleitet die IG jede Stadtratssitzung mit einer Demonstration. Zwischen 30 und 100 Anwohnern empfangen die Räte mit Transparenten, Parolen und Pfiffen.

Diese Spießrutenläufe seien belastend, gesteht CSU-Rat Karlheinz Schultes, zumal der Streit längst den Alltag stört. "Es gibt IG-Mitglieder, mit denen man noch reden kann", erzählt der zweite Bürgermeister. "Aber andere wechseln die Straßenseite, wenn sie mich sehen." Schlimm sei, dass sich Angriffe auch gegen die Familie richten, etwa durch Beschimpfungen auf dem Anrufbeantworter. Die IG hält dagegen: Diesen Anrufen seien Beleidigungen via Facebook vorausgegangen. "Wir finden das nicht gut. Aber man muss beide Seiten sehen", sagt Hermann Pühl, einer der IG -Sprecher.

Abneigung und vor allem das Misstrauen belasten auch die Diskussion um die Sache. Die IG fordert Einsicht in die Kalkulation, weil sie den offiziellen Zahlen nicht traut. "Der Bürgermeister rechnet alles, wie er es braucht", begründet Christa Tschirschnitz von der IG. Schon die Bürgerbeteiligung vorm Architekten-Wettbewerb sei "gelenkt" gewesen. Bürgermeister Haberberger kennt diese Vorwürfe und er gibt zu, dass sie ihn treffen. "Jeder Versprecher, jeder missverständliche Ausdruck wird mir als Lüge ausgelegt." Deshalb will er auch alle Zitate in diesem Text vor der Veröffentlichung absegnen.

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Karlheinz Schultes sagt, dass es inzwischen schwer fällt, sachlich zu bleiben. "Die Vorwürfe sind falsch" und die IG bewege sich seit Jahren nicht. "Ein paar neue Bäume, sonst wollen die keine Änderung." Der Stadtrat tendiere dazu, den "Plan auch gegen die Anwohner umzusetzen". Inzwischen gebe es auch Bürger, die sich ausdrücklich für die Planung aussprechen und sich organisieren wollen, ergänzt Haberberger. Deshalb könnte es ein Ratsbegehren geben, bei dem alle Neustädter abstimmen. Schultes ist sich der Mehrheit sicher - die IG aber auch: "Wir bekommen viel Zuspruch", sagt Hermann Pühl und widerspricht nochmal. "Ich glaube, dass die Front im Stadtrat bröckelt. Immer mehr sehen ein, dass es so nicht geht."

Worum es geht

Etwas vereinfacht möchte der Stadtrat den Marktplatz neu gestalten, der Verkehr soll auf Einbahnstraßen entlang der Häuser um den Platz laufen, in der Mitte so eine freie Fläche entstehen. Bislang zerschneidet die Straße den Markt. Den Anwohnern gefällt, wie dies den Platz gliedert, Räume schafft, auf denen Kinder spielen, Autos parken können. Die Gliederung sei geschichtlich gewachsen, habe sich als perfekt herausgestellt.

"Die Umgestaltung würde die historische Struktur unserer Ackerbürgerstadt zerstören", sagt Georg Doreth. Der Steinmetz ist Spezialist für Restaurierungen. So sorgt er sich auch um die historischen Gehwegbeläge. Andere argumentieren praktischer. Landwirte fürchten mangelnden Platz für ihre Traktoren, Hausbesitzer Lärm, wenn der Verkehr ans Fenster rückt. "Keine Straße vor der Nase", lautet eine der Parolen bei den Demos.

Bürgermeister Wolfgang Haberberger glaubt, dass der Widerstand bei vielen Bürgern beim Geld aufhören wird. Vor kurzem legte er Kalkulationen für den Plan vor: etwa 3500 Euro müsste ein Durchschnittshaushalt zahlen.

Nun sollen Zahlen für eine Sanierung im Ist-Zustand folgen. "Das wird das Zwei- bis Dreifache ergeben", prognostiziert Haberberger. Die asphaltierte Fläche wäre größer, was teurer ist und schließlich stärker auf die Bürger umgelegt werden muss. (wüw)

Neustadt am Kulm, Deutschland