Die Gleitschirmflieger schweben wieder am Himmel über Weidens Umgebung. Sieht so leicht aus. Ist es aber nicht, wie ein Selbstversuch zeigt.
Von Julian Trager
Ich renne, renne und renne. Stampfe mit aller Kraft auf die Wiese, die Oberschenkel brennen. Aber ich komme nicht voran. So scheint es. Denn an mir hängt ein 30-Quadratmeter-Schirm. Komplett gespannt wirkt der wie eine Bremse. Als würde mich eine unsichtbare Hand zurückdrängen. Und dann, nach rund zehn Metern – schwebe ich. Aus der Bremse wird eine Tragfläche. Willkommen in der Luft, herzlich willkommen beim Gleitschirmfliegen.
Ums auszuprobieren und ums zu lernen, muss man aber ins Flugzentrum Bayerwald von Schorsch Höcherl in Wörth an der Donau. In Weiden gibt es dafür keine Flugschule. Also ab in den Osten von Regensburg. Schnupperkurs, 16 Waghalsige trauen sich. Unser Ziel: Alleine mit dem Gleitschirm fliegen. Meine Mitstreiter stammen aus Amberg, Regensburg, Dingolfing oder Ruhmannsfelden. „Die Leute kommen aus ganz Deutschland“, berichtet Höcherl über andere Kurse. Auch aus Weiden.
Dort gibt’s eine kleine, aber feine und aktive Szene von Fliegern. Flysports Weiden nennt sich ihr Verein, der seit 35 Jahren existiert. „Wir sind 90 Gleitschirmflieger, 40 davon sind aktiv“, sagt Vorsitzender Jens Salvas. Sobald der Frühling erwacht, fliegen sie. „Das Wetter ist dann eigentlich egal – Hauptsache der Wind passt.“
Bevor wir im Schnupperkurs in die Luft gehen, wird erst mal erklärt. Theorie. Fluglehrerassistent Alex Heinisch erläutert das Fluggerät. Woraus der Schirm gemacht ist, wie man ihn richtig ausbreitet, wie die vielen bunten Leinen liegen müssen. „Jede davon hält 50 Kilo aus. Mit so einem Schirm kann man einen Laster abschleppen“, sagt Heinisch. Das gibt Sicherheit. Startübungen folgen. Aber abheben ist für uns erst mal nicht drin. Der Wind am „Pig Mountain“ weht aus der falschen Richtung – Schweinerei! Bedeutet: Standortwechsel. „Wir wollen eine gefahrlose Schulung, und es soll Spaß machen“, begründet Schorsch Höcherl. Weil der neue Hang nach Westen ausgerichtet ist, passt dieses Mal der Wind. Der Hang macht seinem Namen alle Ehre: Wir stehen auf dem Windberg.
Jetzt ist es endlich so weit, der Schirm liegt bereit, die Leinen sind am Gurtzeug eingehakt: Ich bin startklar zum fliegen. Noch einmal durchatmen, die Anweisungen von Fluglehrerin Inge Höcherl im Kopf wiederholen. Wird schon funktionieren. So leicht ist es aber nicht – der erste Versuch geht mächtig schief. Der Schirm bricht über mir zusammen. „Du hast die A-Leinen zu spät losgelassen“, erklärt die Fluglehrerin. Neuer Anlauf. Diesmal klappt’s, ich hebe ab. Zwar nur knapp einen Meter über dem Gras, aber immerhin. Zehn Sekunden dauert mein erster „Flug“.
Vom Buchberg bei Schnaittenbach aus könne man stundenlang fliegen, sagt Salvas. „Der Rekord liegt bei rund sieben Stunden am Stück.“ Neben dem Buchberg haben die Flieger-Freunde weitere Hänge rund um Weiden gepachtet: Am Matzlesberg, in Kohlberg und in Dietersdorf. Der Vogelberg in Kirchendemenreuth gehört dagegen seit diesem Jahr nicht mehr dazu, berichtet Salvas.
Zurück zu den Anfängern. Nach dem Fliegen, heißt es Schirm schleppen. Da, wo ich runter bin, muss ich nämlich auch wieder rauf. Geschätzte 100, gefühlte 1000 Meter. Der rund acht Kilo schwere Schirm hängt mir dabei um den Hals, umhüllt mich wie ein Mantel. Oben angekommen, heißt es warten. Denn jeder will ran. Drei Gleitschirmprofis helfen den Kursteilnehmern bei Vorbereitung und Start. Unten im Landebereich wartet Chef Schorsch. Der gibt per Walkie-Talkie Anweisungen an die Flugschüler: „Nach rechts lenken, nach rechts! Geradeaus. Bremsen, Bremsen!“ Und: „Am Boden weiterlaufen! Laufen!“ Sonst landet man auf dem Hintern. Sieht man an dem Tag auch, aber niemand verletzt sich. „Das ist ein Sport wie Eishockey. Leichte Verletzungen kommen schon vor“, sagt Heinisch. Aber passiert sei bei einem Schnupperkurs noch nichts Gravierendes.
Seit 1988 existiert die Gleitschirmschule von Schorsch Höcherl. Der erklärt: „Wir haben hier das einzige DHV-Performance-Trainingscenter in Ostbayern.“ Für Anfänger seien die Fluggebiete sogar besser geeignet als die Alpen. „Hier ist man nicht so stark dem Wind ausgesetzt.“ Deswegen seien seine Kurse fast immer restlos ausverkauft. „Wir können die Leute fast schon nicht mehr annehmen.“ Gleitschirmfliegen boomt, lässt der Fluglehrer wissen.
David Görgner bekam den Schnupperkurs von seiner Freundin geschenkt. Der Riedener (Landkreis Amberg-Sulzbach), der mittlerweile in Regensburg wohnt sagt: „Ich bin ein Typ für solche nicht alltäglichen Sportarten, die man daheim nicht machen kann.“ Er habe bereits einiges ausprobiert: Fallschirmsprung aus dem Flugzeug, Bungee-Jump aus 130 Meter Höhe. Bei beiden sei der Adrenalinkick größer gewesen als beim Gleitschirmfliegen. Aber: „Da lässt du dich einfach fallen. Mit dem Gleitschirm brauchst du Technik. Da liegt’s an dir selbst, ob du unten gut ankommst.“ Aufregend ist es trotzdem: „Es hat schon was, 20 Meter über den Boden zu schweben.“
Keine Probleme bei meinem zweiten Versuch. Ich fliege! Schorsch Höcherl und die Strohballen, auf denen er sitzt, werden immer kleiner. Ich fühle mich frei, als könnte ich jetzt überall hinschweben. Dauert aber nicht ewig, diesmal bin ich nach zwanzig Sekunden wieder am Boden der Tatsachen, wortwörtlich. Als ich mich und den Schirm wieder nach oben schleppe, sehe ich einen Vogel. Der flattert scheinbar mühelos auf der Stelle. Als würde er genüsslich beobachten, wie wir uns abstrampeln, um ihm nachzueifern. Gemein.
Seit acht Jahren fliegt der Weidener Jens Salvas mit dem Gleitschirm, seit vier Jahren ist er Vorsitzender des Flysports-Vereins. Durch Zufall und einem Freund ist er zu dem Sport gekommen. „Ich hab’s probiert und gleich Gefallen daran gefunden.“ Was ihn besonders fasziniert: „Kein Flug ist wie der andere.“ Und: „Es ist ein besonderer Kick, sich ein Ziel zu stecken und dann von A nach B zu gelangen.“ Und: „Selbstverständlich, die Natur.“
Wer das in Weiden als Anfänger erleben möchte, muss viel Glück haben, gibt Salvas zu. Tandemflüge seien zwar möglich, aber da gebe es mehrere Hindernisse: „Wir haben nur einen Piloten, der das machen darf. Der ist aber beruflich und privat stark eingespannt. Außerdem müssen Wetter und Wind stimmen sowie fünf weitere Personen an dem Tag Zeit haben, um aufzupassen.“
Mein dritter Versuch startet wie der erste: Ich komme nicht vom Fleck, diesmal halte ich die Arme zu weit oben. Kleinigkeiten, die einen zur Verzweiflung bringen können. Der Schirm entfaltet sich nicht. „Das Wichtigste beim Start ist immer weiterlaufen und die Arme unten halten“, sagt Inge Höcherl. Der zweite Anlauf haut hin. Bereits nach wenigen Sekunden saugen mich Luft und Schirm nach oben. In kürzester Zeit gleite ich fünfzehn Meter über dem Boden. Ich denke an den Vogel von vorhin und möchte ihm zurufen: Auch ich kann fliegen!
Hintergrund: Wann darf ich fliegen?
Wer alleine über die Weidener Umgebung mit dem Gleitschirm fliegen möchte, benötigt eine Pilotenlizenz und sollte dem Verein Flysports Weiden beitreten. Es gibt aber auch Tagesmitgliedschaften. Dafür muss dem Verein eine Kopie des Flugscheins und die Haftpflichtversicherung für das laufende Jahr vorliegen. Nach der schriftlichen Freigabe darf der Pilot starten. Anderenfalls gilt absolutes Startverbot. Der Weg zur Pilotenlizenz führt über einen viertägigen Grundkurs und einen achttägigen Höhenflugkurs. Und über einen dicken Geldbeutel. Knapp 1250 Euro kosten die beiden Kurse im Flugzentrum Bayerwald. Dazu kommt die Ausrüstung, Schorsch Höcherl sagt: „Das gesamte Equimement kostet neu rund 4000 Euro.“
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