You’re viewing a version of this story optimized for slow connections. To see the full story click here.

Lebensader der Oberpfalz

Weiden ist seit 30 Jahren zweispurig an die A 93 angeschlossen - Multimedia-Spezial zum Jubiläum

Story by Onetz December 28th, 2017

Seit Dezember 1987 – also seit 30 Jahren – ist Weiden zweispurig an die A 93 angeschlossen. Das beeinflusst die Region bis heute. Lärmgeplagte Anwohner, Pendler, Notfall-Seelsorger und Straßenwärter: In unserem multimedia-spezial werfen wir einen blick ins archiv und zeigen Menschen, für die die A 93 eine Besondere bedeutung hat.

Von Sonja Kaute

Am 4. Dezember 1987 ist das langersehnte Ziel erreicht: Der Autobahnabschnitt Weiden - Luhe-Wildenau wird für den Verkehr freigegeben, die Stadt Weiden in Richtung Süden zweispurig an die A 93 angeschlossen. Damit sind die Bezirkshauptstadt Regensburg sowie die Landeshauptstadt München endlich schnell zu erreichen. Laut der Broschüre „Bundesautobahn A 93 – Weiden, Regensburg, Holledau“ von 1987 benötigt Goethe auf seiner Italienreise für den Abschnitt Weiden - Regensburg noch 13 Stunden.

Im August 2001 blickt Staatsminister a. D. Gustl Lang im Neuen Tag zurück: „Mein Gott, war die Eröffnung der A 93 bei Rothenstadt damals eine Freude. Die Bürger haben jedes Teilstück der Autobahn begeistert aufgenommen. Die A 93 bedeutete den Anschluss der Oberpfalz an die Welt.“ Lang rang in den 80er Jahren wie kein anderer Politiker um die Süd-Nord-Magistrale. Er war als Innenminister Chef der Obersten Baubehörde, später als Wirtschaftsminister zuständig für den Verkehr.


HINTERGRUND

Planungen für den Bau einer zweibahnigen Bundesfernstraße wurden bereits in den 60er Jahren aufgenommen. Ab 1976 wurde die Verbindung Hof - Weiden - Regensburg als A 93 ausgewiesen. Zwischen Hof und Weiden wurde die A 93 erst nur einspurig gebaut und folgte von Rehau und Selb bis Mitterteich der bestehenden, einspurigen B 15. Diese wurde streckenweise als erste Richtungsfahrbahn der künftigen A 93 miteinbezogen. Ende 1987 wurde die Teilstrecke südlich von Weiden zweispurig für den Verkehr freigegeben, im Norden ging es als einbahnige, „halbe“ Autobahn bis zur B 299 bei Falkenberg weiter. Dieser Teil wurde ab 1990 ausgebaut. Seit Ende November 1995 ist die Strecke zwischen Windischeschenbach und Luhe-Wildenau in beide Richtungen je zweispurig befahrbar.

7. 8.1979: Übergabe der ersten Fahrbahn der „B 15 neu“ . Sie wurde als erste Fahrbahn der A 93 genutzt. Links Innenminister Gerold Tandler.
Mehr als 250 Brücken wurden zwischen Hof und Regensburg an der A 93 gebaut.
Vor dem zweispurigen Ausbau fahren die Weidener und Menschen aus dem Landkreis Neustadt/WN über die einspurige B 15 (hier bei Altenstadt).
Das Bild links zeigt den Bau der südlichen Waldnaabbrücke. Rechts der fortgeschrittene Bau der Bogenbrücke bei Altenstadt.

Der Verkehr rund um Weiden hat auch seine Schattenseiten. Im Dezember 1988 lässt die Polizeidirektion Weiden zwischen Weiden-West und Altenstadt/WN eine Mittellinie durch die damals in diesem Bereich noch einspurige Straße ziehen. Bis zu einem Dutzend Menschen verlieren hier bei Unfällen jedes Jahr ihr Leben oder werden schwer verletzt. Ursache sind meistens Überholmanöver. Unsere Zeitung berichtet wiederholt über die „Todesstrecke“.

Ab Oktober 1991 darf man schließlich wegen der hohen Unfallzahlen zwischen Weiden-West und Neustadt/WN nur noch 80 km/h fahren , zwischen Weiden-West und Weiden-Süd gelten 100 km/h. Hinzu kommt ein striktes Überholverbot. Als im Dezember 1993 der Abschnitt Weiden-Süd bis Weiden-West vierspurig freigegeben wird, steht im Neuen Tag: „Die schlimme Zeit der schweren Verkehrsunfälle auf der A 93 im Bereich Weiden soll damit der Vergangenheit angehören.“

HINTERGRUND

Die Zahl der Unfälle mit Personenschaden zwischen Windischeschenbach und Luhe-Wildenau ist laut Autobahndirektion Nordbayern von 43 Unfällen im Jahr 1998 auf voraussichtlich 18 Unfälle im aktuellen Jahr (Hochrechnung) zurückgegangen – obwohl sich der Verkehr auf dieser Strecke in diesem Zeitraum beinahe verdoppelt hat. 2015 wurden hier rund 29 700 Kraftfahrzeuge pro Tag gezählt.

5uElD (1).png

Stärkung der Industrie

Die A 93 entlastet auch zahlreiche Ortsdurchfahrten der B 15 „von dem teilweise unerträglich starken Durchgangsverkehr“, so der 2013 verstorbene Bundesverkehrsminister Jürgen Warnke 1987 in einem Geleitwort zur Fertigstellung des Teilstücks südlich von Weiden. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Stärkung der Industrie- und Wirtschaftsstandorte. Durch die Teilung Deutschlands war die Industrieregion im nördlichen und östlichen Oberfranken sowie in der Oberpfalz in eine Randlage geraten. Die A 93 sollte als wichtige Verkehrsverbindung daraus resultierende Nachteile abfangen.

Heute reihen sich Unternehmensstandorte wie Perlen an einer Kette entlang der A 93. Ganze Industrie- und Gewerbegebiete sind hier entstanden, darunter die Gewerbegebiete „Neuhaus“ in Windischeschenbach, „Am Kalvarienberg“ in Pfreimd, „Pfreimter Weiher“ und „Moosbürg Nord“ in Weiden sowie das Industrie- und Gewerbegebiet in Wernberg-Köblitz, wo Conrad Electronic sich niederlässt. 1992 verlagert der Markendiscounter Netto Zentralverwaltung und Auslieferungslager von Regensburg in den Industriepark „Ponholz“ in Maxhütte-Haidhof. Von hier aus werden noch heute Netto-Märkte in ganz Bayern beliefert.

planungsfehler

Im Sommer 1992 ist wegen eines Planungsfehlers die neue zweite Fahrbahn der West-Umgehung Weiden „plötzlich“ zu hoch. Nördlich der Anschlussstelle B 470 (Altenstadt) müssen 35 Zentimeter Bitumendecke wieder abgetragen werden, weil unter den Brücken die nötige Durchfahrtshöhe nicht eingehalten wurde. Im Deutschen Bundestag werden Ansprüche auf Regress geprüft.

Zeitraffer-Video: Erneuerung der Fahrbahndecke auf der A 93 zwischen Nabburg und dem Kreuz Oberpfälzer Wald in Richtung Hof im Jahr 2014. Video: Christian Gold


Beim Bau der Autobahn sind auch ökologische Kriterien zu berücksichtigen. Der Eingriff in die Natur ist Umweltschützern ein Dorn im Auge. Gleichzeitig muss an einigen Stellen auf Wohnbebauung und Lärmschutz geachtet werden. Noch heute klagen Anwohner zum Beispiel in Rothenstadt über den Verkehrslärm von der A 93.

Laut Autobahndirektion Nordbayern wurden in den vergangenen Jahren rund 9,5 Millionen Euro in Maßnahmen zum Lärmschutz investiert. Schwerpunkt sei dabei der Bereich zwischen Weiden-Frauenricht und Luhe-Wildenau gewesen, wo Lärmschutzwände gebaut und lärmmindernde Fahrbahnbeläge aufgetragen wurden.

Antonia Lingl hat im Sommer einen Beschwerde-Brief an die Autobahnmeisterei geschrieben, weil sie sich an der A 93 Lärmschutz wünscht.

schlaflos an der a 93

MELANIE UND ANTONIA LINGL LEIDEN UNTER DEM VERKEHRSLÄRM VON DER A 93, DER IN IHREM HAUS IN ROTHENSTADT DEUTLICH ZU HÖREN IST. ER RAUBT IHNEN DEN SCHLAF. VOR ALLEM DIE ZEHNJÄHRIGE ANTONIA ENGAGIERT SICH DESHALB FÜR LÄRMSCHUTZ. SIE WILL SICH AN EIN BUNDESMINISTERIUM WENDEN.

„Der Verkehr wird gefühlt immer mehr“, sagt Melanie Lingl. Sie wohnt mit ihrer Familie seit zwölf Jahren in der Hammergasse in Rothenstadt und leidet unter dem Lärm, der von der A 93 zu hören ist. „Ich höre immer wieder, dass wir halt nicht hätten herziehen sollen. Aber mir ist das mit dem Lärm anfangs nicht so bewusst gewesen. Inzwischen mag ich im Sommer gar nicht mehr im Garten sitzen.“ Es sei jedoch vor allem nachts „tierisch laut“.

Die Fenster der Schlafräume der Familie liegen alle in Richtung A 93. Diese ist zwar rund 640 Meter entfernt, doch „da ist nur Feld dazwischen. Deswegen kriegen wir den Lärm voll ab“. Das belastet auch ihre zehnjährige Tochter Antonia. Weil sie nachts nicht mehr richtig schlafen kann, wendete sie sich im Sommer mit einem selbst geschriebenen Brief an die Autobahnmeisterei. Ihr Wunsch: Lärmschutz an der A 93 zwischen Weiden-Süd und Luhe-Wildenau. „Nachts ist es unerträglich, von meinem Zimmer aus den Lärm dieser Autobahn zu hören“, schrieb sie.

Die Autobahnmeisterei leitete den Brief an die zuständige Dienststelle der Autobahndirektion in Bayreuth weiter. Diese antwortete zwar kindgerecht, gab aber auch wenig Grund zur Freude: Der Lärm könne störend sein, liege aber „im gesetzlich zulässigen Rahmen. In eurem Fall waren die Grenzwerte eingehalten. Daher gab es bei euch leider keinen Lärmschutz“. Einziger Hoffnungsschimmer: „Es mag dir vielleicht im Moment kein Trost sein, aber wir können dir versprechen, dass die Betonfahrbahn, wenn sie erneuert werden muss, durch einen lärmmindernden Belag ersetzt werden wird.“ Dann werde es in Rothenstadt leiser. Bis dahin kann es allerdings noch Jahre dauern. Sie und Antonia hoffen auf den Flüsterasphalt, sagt Melanie Lingl. Doch diese Hoffnung sei „sehr vage“.

Melanie Lingl (Mitte) und ihre Tochter Antonia (links) leiden unter dem Verkehrslärm von der A 93. Tochter Emily dagegen schläft meist gut.
741106_orig.jpg

BAUSTELLE „EIN TRAUM“

„Es passiert noch immer relativ oft, dass ich nachts aufwache und dann nicht mehr einschlafen kann“, erzählt Antonia. Vor allem in der Früh ab 5 Uhr und wenn es windig ist, sei es laut. Daran hat sich seit Sommer nichts geändert. Ihre Schwester Emily (7) ist gesegnet: Sie kann fast immer tief und fest schlafen. Allerdings schläft sie auch im ersten Stock, und auf dieser Höhe steht ein anderes Haus zwischen ihrem Fenster und der A 93. Aber Mama Melanie ist ganz bei ihrer älteren Tochter: „Schlafen mit geöffnetem Fenster ist für mich nicht möglich. Mit geschlossenem Fenster ist es ok.“ Die Baustelle im Sommer in Richtung Luhe bezeichnet sie als „Traum“, weil die Geschwindigkeit reduziert war.

Das hat auch Antonia bemerkt und findet: „Eine Geschwindigkeitsbegrenzung würde reichen, dann bräuchten wir keinen Lärmschutz mehr. In Regensburg ist die Geschwindigkeit auf der A 93 ja auch begrenzt“, argumentiert die Zehnjährige. Den einen Trick, mit dem der Schlaf doch besser wird, hat sie bisher nicht gefunden. „Es gibt nichts, was du machen kannst, wenn du nicht mit Ohrstöpseln schlafen kannst.“ Antonia will daher auch nicht aufgeben und den nächsten Brief auf höherer Ebene als beim letzten Mal verschicken. Er soll an den Verkehrsminister gehen, „sobald wir wissen, wer der nächste Verkehrsminister wird“, sagt sie entschlossen. „Die antworten bei Kindern vielleicht eher als bei Erwachsenen.“


hintergrund

Im Jahr 2000 waren auf dem Abschnitt Weiden-Süd bis Luhe-Wildenau laut Angaben der Autobahndirektion insgesamt rund 25 500 Kfz pro Tag unterwegs. 2010 waren es 30 000 und 2015 knapp 32 000 Kfz pro Tag. Das entspricht einem Zuwachs von 26 Prozent in 15 Jahren.

Patrick Lache. Foto: exb

auf der überholspur

Mehr als 1000 Kilometer ist Patrick Lache auf der A 93 zwischen Weiden, Fensterbach und Regensburg unterwegs – pro Woche. 950 Kilometer davon fährt er allein für den Fußballsport. Ein Alltag auf der Überholspur.

So gut wie jeden Tag pendelt Patrick Lache zwischen den drei Orten hin und her. Der 22-Jährige Weidener spielt beim FC Amberg, trainiert die Jugend beim TSV Kareth-Lappersdorf und spielt in der Futsal-Abteilung des SSV Jahn Regensburg, die im Frühling 2017 deutscher Futsal-Meister geworden ist. Die restlichen Kilometer verfährt er unter anderem der Liebe wegen: Seine Lebenspartnerin wohnt in Fensterbach.

„Wenn ich an die A 93 denke, dann sehe ich im Grunde alles positiv. Ich komme gut durch. Da ist aber immer der Zeitaspekt, weswegen ich ein bissl mehr an Drehzahl draufbringe als vielleicht der ein oder andere“, erzählt er. Der 22-Jährige, der freiberuflich als Dozent für Deutsch und Englisch arbeitet, steht oft unter Zeitdruck. Die weiten Fahrstrecken tragen ihren Teil dazu bei.

Deshalb denkt Patrick Lache auch hin und wieder über einen Umzug nach. Doch seine Familie lebt in Weiden. So oder so wäre er viel auf der Autobahn unterwegs, in die eine oder in die andere Richtung.

Gäbe es die A 93 nicht, hätte er ein Problem: „Den zeitlichen, logistischen Aspekt könnte ich vermutlich nicht kompensieren. Ich würde das zwar, wenn ich etwas wirklich will – und das ist in diesem Fall der Fußball – bewerkstelligen können. Aber es würden andere private Sachen wie zum Beispiel die Familie auf der Strecke bleiben. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Emmeram Dumler, Werkstattleiter der Autobahnmeisterei Windischeschenbach/Rehau, begeistert an seinem Beruf die Technik.

meister der autobahn

SIE SIND DIE MEISTER DER A 93. DIE MÄNNER DER AUTOBAHNMEISTEREI WINDISCHESCHENBACH/REHAU SORGEN DAFÜR, DASS DER VERKEHR SICHER FLIESST. EEIN BESUCH BEI DEN SAUBERMACHERN, SCHNEERÄUMERN UND REPARATEUREN.

„Was auf der Autobahn passiert, landet erst einmal bei uns. Wir sind mehr oder weniger für alles zuständig“, sagt Harald Windschiegl, Leiter der Autobahnmeisterei. „Wenn schwere Unfälle passieren, sind wir im Nachgang oft noch tagelang damit beschäftigt.“ Die Autobahmeisterei repariert Verkehrsschilder, beseitigt Schäden an der Fahrbahn, kümmert sich bei Baustellen um die Verkehrssicherheit, wartet die Strecken, beseitigt Sturmschäden, pflegt Grünanlagen, reinigt Rastplätze und räumt oder streut im Winterdienst. Das ist nicht ungefährlich: Mehrere Mitarbeiter wurden bereits in Unfälle verwickelt. Doch die Aufgaben-Vielfalt ist das, was Windschiegl an seiner Arbeit Spaß macht: „Der Job ist sehr abwechslungsreich. Jede Stunde ist etwas anderes los.“

Beeindruckende sieben Meter „Spannbreite“ hat der Schneepflug dieses Räumfahrzeugs der Autobahnmeisterei.
_MG_3368.JPG

Um diese Aufgaben autark ausführen zu können, gibt es auf dem Gelände der Meisterei direkt an der A 93 unter anderem eine eigene Tankstelle, eine Salzhalle und eine Werkstatt. Teilweise sind die Einsätze der gut 20 Mitarbeiter geplant, teils reagieren sie spontan. „Wir müssen gleich raus, wenn es draußen ein Problem gibt oder einen Unfall.“ Von letzteren passieren im Jahr Windschiegl zufolge durchschnittlich 400 im Zuständigkeitsbereich der Meisterei auf der A 93, der Strecke zwischen Wunsiedel und Luhe-Wildenau. „Ich kann mich noch an den Bau und die Eröffnung der Strecke erinnern“, erzählt er. Als kleiner Junge war er schon fasziniert von der Autobahn. „Heute ist das für mich vor allem der Weg von Norden nach Süden. Dank der A 93 hat man heute alle Möglichkeiten.“

Müll und Aufkleber

Auf Problemstellen an der A 93 angesprochen, weiß er sofort Antwort: „Am Tank- und Rastplatz Waldnaabtal wird viel Müll entsorgt. In Peuntbach gibt es viele Graffiti-Schmierereien und Aufkleber. Die Verkehrsschilder kann man teilweise nicht lesen. Stellen mit Steigungen wie bei Altenstadt müssen wir im Winterdienst intensiver betreuen.“ Und rund um Weiden gebe es gehäuft Probleme, „weil wir hier viele Anschlussstellen nah beieinander haben und viel Umleitungsverkehr“. Autofahrer, die aus dem Stadtverkehr kommen, seien oft gedanklich gar nicht auf die Autobahn eingestellt.

Harald Windschiegl, Leiter der Autobahnmeisterei Windischeschenbach/Rehau prüft die Wettervorhersage.
Emmeram Dumler im Räumfahrzeug

Mangelnde Aufmerksamkeit bereitet ihm ebenfalls Sorge: „Viele Autofahrer sind abgelenkt. Lkw-Fahrer fahren teils mit den Füßen auf dem Armaturenbrett.“ Man müsse sich nur mal auf den Seitenstreifen stellen und beobachten. Windschiegls Appell: „Ein bissl mehr Achtsamkeit beim Auffahren auf die Autobahn und beim Überholen. Wir erleben das täglich, was das für Geschwindigkeiten sind. Die Leute drängeln, weil sie keine Zeit haben und man hört ja heute im Auto nichts mehr von der Geschwindigkeit.“

Windschiegl wünscht sich Verständnis. Zum Beispiel für die vielen Baustellen während der Sommerferien. Denn „man kann halt witterungsbedingt bloß von März bis Oktober sanieren“.

von der Freizeit in den Winterdienst

Verständnis braucht auch der Winterdienst. Die Männer, die räumen und streuen, werden häufig aus ihrer Freizeit geholt. „Wir sind seit Anfang Dezember immer vor Ort und bis März oder April 24 Stunden am Tag erreichbar. Um eine Strecke von Windischeschenbach bis Luhe zu streuen oder zu räumen, brauchen wir eine bis eineinhalb Stunden. Der Fahrer muss aber auch tanken, mal Pause machen, an den Anschlussstellen rausfahren und diese mit betreuen. Alleine das Nachladen des Salzes dauert eine halbe Stunde. Wenn nötig, fahren wir rund um die Uhr.“ Aber das dauere eben, die Männer können nicht überall gleichzeitig sein.

Werkstattleiter Emmeram Dumler weiß: „Wir werden am Winterdienst gemessen.“ Er erinnert sich an den Bau der Waldnaabtalbrücke. „Ich war als Kind jeden Tag live dabei. Das war ein Highlight. Wir sind immer unten in die Brücke rein.“ Wünschen er und seine Kollegen sich einen harten oder milden Winter? Dumler: „Das kommt auf den Wochentag und Monat an. An Wochenenden und Feiertagen kann’s ruhig ruhiger sein.“


Zur Ausstattung im Rucksack von Dekan und Notfallseelsorger Johannes Lukas von der Pfarrei Sankt Konrad gehört ein Teddybär.

erste hilfe für die seele

Wenn Johannes Lukas im Einsatz ist, hat er manchmal einen Teddybären dabei. Der Pfarrer und Dekan der Pfarrei Sankt Konrad ist Notfallseelsorger. Als solcher leistet er auch auf der A 93 Erste Hilfe für die Seele.

„Wir sind in der Notfallseelsorge eigentlich 365 Tage im Jahr, 7 Tage die Woche und 24 Stunden am Tag in der Bereitschaft“, erzählt der Dekan. Er betont: „Wir sind keine Psychologen oder Psychotherapeuten und leisten keine psychologische Betreuung, sondern eine psychosoziale Notfallversorgung.“ „Erste Hilfe für die Seele“ nennt er das kurz. Eine wichtige Botschaft für die Betroffenen, die möglicherweise mit unerwarteten Gefühlen und Reaktionen kämpfen: „Nicht du bist gaga, sondern die Situation, in der du gerade warst, ist unnormal. Deine Reaktion ist normal.“

Notfallseelsorger sind in der „Akutphase“ im Einsatz, die Zeit der Betreuung ist begrenzt. „Wir ziehen uns irgendwann zurück, vermitteln aber andere Angebote, wenn eine längere Betreuung gewünscht oder angezeigt ist.“ Im Einsatz-Rucksack befinden sich alltägliche Dinge wie der Teddybär, Taschentücher, Traubenzucker, Infomaterial, aufgeschriebene Gebete, Kontaktdaten von Beratungsstellen.

Für Weiden und den Landkreis Neustadt/WN sind insgesamt zehn Leute in der Notfallseelsorge engagiert: eine Pfarrerin, mehrere Pfarrer und pastorale Mitarbeiter mit einer Zusatzausbildung. In Notfällen wie sehr schweren oder tödlichen Verkehrsunfällen werden sie ausschließlich von Einsatzkräften im Rettungsdienst, Notärzten, Polizei oder Feuerwehr über die Integrierte Leitstelle (ILS) angefordert. „Dabei arbeiten wir Hand in Hand mit dem Kriseninterventionsdienst des BRK“, erklärt der Seelsorger. Dort sind noch einmal 17 Notfallseelsorger im Einsatz. Sie alle stehen unter Schweigepflicht. 30 bis 60 Minuten dauere es nach der Alarmierung ungefähr, bis ein Notfallseelsorger vor Ort ist.


Enorme Belastung für alle

„Auf der Autobahn oder im Straßenverkehr sind wir in der Regel im Einsatz, wenn es vor Ort Verkehrstote gibt.“ Stirbt ein Unfallopfer in einer Klinik, kümmert sich bei Bedarf der Klinik-Seelsorger um die Angehörigen. „Vor Ort sind wir zuständig für alle unverletzten Betroffenen: Augenzeugen, Ersthelfer, Unfallbeteiligte, Angehörige.“ Auf der Autobahn gebe es „relativ wenige Einsätze. Aber wenn wir dort Einsätze haben, dann haben sie es in sich“. Hohe Geschwindigkeit und Beteiligung von Lkw machen Unfälle zur Belastung für alle Beteiligten.

„Den Betroffenen, den Einsatzkräften und den Seelsorgern ist es sehr wichtig, vor Ort ein Gebet zu sprechen – egal, ob die Anwesenden gläubig sind oder nicht. Da ist dann richtig Ruhe, alle Motoren werden ausgestellt, die Menschen stehen im Kreis und beten. Das ist etwas, was man für den Verstorbenen tun kann. In der Regel wird das von den Einsatzkräften angefragt.“


Der Einsatz-Rucksack von Notfall-Seelsorger Johannes Lukas.

Dass Angehörige kurz nach einem Unfall bereits am Ort des Geschehens auftauchen, komme in letzter Zeit häufiger vor. Vor allem, weil Informationen schnell über Medien und soziale Medien öffentlich werden. „Vor Jahren hat auf der A 93 einmal eine Familie plötzlich mitten in den Trümmern gestanden.“ So etwas störe die Arbeit der Rettungskräfte, Polizei und Notfallseelsorger enorm. „Stellen Sie sich vor, jemand spricht Ihnen bei Whatsapp sein Beileid aus und bietet an, für Sie da zu sein – und Sie wissen von gar nichts.“ Um solche Situationen zu vermeiden, ist Eile geboten: „Wenn wir die Identität von einem Verunfallten haben, sehen wir zu, dass wir möglichst bald zu den Angehörigen kommen.“ Weil deren Betreuung eine wichtige Aufgabe ist, begleiten die Notfallseelsorger die Polizei auch bei der Überbringung von Todesnachrichten. Bei Bedarf bleiben sie mehrere Stunden bei der Familie.

Dekan, Pfarrer und Notfall-Seelsorger: Johannes Lukas.

Ein weiterer wichtiger Dienst ist die Betreuung der Rettungskräfte vor und nach ihren Einsätzen. „Wir geben Hilfestellung, das Erlebte zu verarbeiten“, so Lukas. „In Weiden gibt es extra ein Team für die Einsatzkräfte-Nachsorge.“ Auch präventiv wird gearbeitet, zum Beispiel in Vorträgen zur akuten Stressbewältigung. „Das Angebot wird vor allem von Feuerwehren in Anspruch genommen und bringt sehr viel“, weiß der Pfarrer. Heute seien Einsatzkräfte dank solcher Angebote besser auf die Verarbeitung schlimmer Erlebnisse vorbereitet als früher.

Und wer kümmert sich um die Notfallseelsorger? „Es gibt Supervision und Gruppengespräche“, antwortet Lukas. Das helfe auch ihnen, das Erlebte zu verarbeiten.

IMPRESSUM

Oberpfalz Medien - Der neue Tag

Druck- und Verlagshaus GmbH

Weigelstraße 16

92637 Weiden

E-Mail: redaktion@onetz.de

Zum vollständigen Impressum

Zurück zu www.onetz.de


Footnote: Text, Bilder, Audio und Videos: Sonja Kaute; Schwarz-Weiß-Bilder: Archiv Oberpfalz Medien; Bild Antonia Lingl: Gabi Schönberger; Profilfoto Dekan Johannes Lukas: Petra Hartl