Bilder: Tobias Neubert, Text: Sonja Kaute
„Die USA sind das Reiseland meiner Träume. Ich liebe es dort, könnte auch monatelang dort bleiben – aber nur, wenn ich weiß, dass ich wieder zurückkomme. Leben und arbeiten wollen würde ich dort nicht“, erzählt der Deutsch- und Geschichtslehrer in der Realschule Kemnath. In seiner Freizeit fotografiert der Altenstädter ehrenamtlich für die Blue Devils Weiden. Seine Reisen sucht er sich nach guten Fotomotiven aus.
Die Route 66 zwischen Chicago und Los Angeles mit ihren Neon-Schildern und Motels, dem Kontrast zwischen Metropolen wie Chicago und Los Angeles und dem „Small-Town-America“ in ländlichen Regionen oder der Wüste bot ihm auch dann noch tolle Motive, als er die Strecke zum dritten Mal fuhr. Mehr als 17.000 Bilder hat der 35-Jährige inzwischen von der Route 66. Er hat alle drei Reisen alleine gemacht, die aktuellste stilecht in einem gemieteten Mustang-Cabriolet.
Die über 7000 gefahrenen Kilometer beschreibt Neubert als „extremen Kontrast“, weil sich die Landschaft nach Chicago zunächst flach und landwirtschaftlich geprägt präsentiert, nach Missouri in ein Mittelgebirge übergeht, in Oklahoma wieder weitläufiger wird und mit Ölbautürmen und Weideland gespickt ist. Auch in Texas dominieren Viehzucht und flaches Weideland, während die Gegend ab New Mexico wesentlich felsiger und schroffer wird und die Vegetation deutlich abnimmt. „Richtung Arizona werden die Felsen immer röter, und es gibt nur noch wenig Vegetation, dann bis Kalifornien eigentlich nur noch Wüste.“ Die Herausforderung dabei: „Zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein, mit dem richtigen Licht und Wetter.“
Manchmal habe er nur schnell angehalten, sei zum Fotografieren ausgestiegen und weitergefahren. „Aber es gibt auch bestimmte Orte, wo ich unbedingt übernachten wollte.“ Zum Beispiel im „Blue Swallow Motel“ in Tucumcari, seinem „absoluten Lieblingsort auf der Route 66“. Das Motel sei „der Inbegriff der Route 66“, so Neubert. Vor dem historischen Gebäude steht ein Oldtimer, darüber eine der vielen für die Route typischen Neon-Schilder mit der Schwalbe im Namen des Motels. Hier hat er abends mit Gästen aus Belgien, England, Deutschland und Einheimischen am Lagerfeuer gesessen und Marshmallows gegrillt.
„Man kommt mit den Amerikanern ganz leicht ins Gespräch. Das Schöne an der Route 66 ist, dass man so viele unterschiedliche Charaktere trifft. Und man wird überall freundlich begrüßt. Man weiß, dass das nur Floskeln sind, aber es gibt einem ein gutes Gefühl.“ Auf die Frage, wo er herkomme, antwortete er: „Aus der Nähe von Grafenwöhr. Das sagt vielen etwas, denn viele waren schon in Deutschland stationiert.“
Tobias Neubert traf zum Beispiel den Besitzer des „El Trovatore“-Motels in Arizona, für ihn die „schillerndste Begegnung. Er war Bomben-Entschärfer bei der israelischen Armee, konnte wegen einer Kriegsverletzung in den USA studieren. Ihm gehörten Dutzende Wohnungen in Las Vegas, die er alle durch das Platzen der Immobilienblase verloren hat. Mit Mitte 50 ist er jetzt eben Motelbesitzer“.
Irgendwo im Nirgendwo in Kalifornien betreibt ein weiterer Lebenskünstler die „Elmer’s Bottletree Ranch.“ „Dort steht sozusagen ein Wald aus Metallgestängen, an denen leere Glasflaschen hängen. Die zu erstellen, ist der ganze Lebensinhalt des Besitzers. Inzwischen ist die Ranch eine Touristenattraktion. Ich habe dort zwischen all den Skulpturen sogar ein Tirschenreuther Auto-Nummernschild entdeckt.“
Neubert hat sich bei seiner diesjährigen Reise auf Begegnungen mit Menschen konzentriert und porträtierte einige der Motel- und Giftshop-Besitzer. Darunter Angel Delgadillo. „Das ist sozusagen Mr. Route 66. Er hat einen Barber Shop in Seligman, Arizona, und ist über 90 Jahre alt. Er hat die Route 66, nachdem sie 1985 offiziell aufgelöst wurde, zur Touristenattraktion gemacht – durch die Gründung der ersten Route-66-Association, die Fördergelder heranschaffte. Das Dorf war, nachdem der ganze Verkehr über eine Fernstraße geleitet wurde, von der Welt abgeschnitten. Geschäfte gingen pleite, der Ort starb fast aus. ,Also müssen wir die Route 66 zur Attraktion machen‘, hat er sich damals gedacht.“
Die Amerikaner entlang der historischen Route haben es mit den Jahren verstanden, die Route 66 zu Geld zu machen. „Ich wollte ihn schon immer treffen, doch bei meinen vorherigen Reisen war er nie anwesend. Dieses Mal habe ich mehrere Stunden gewartet, bis er gekommen ist. Man weiß ja nie, wie lange er noch lebt. Wir haben uns sehr lange unterhalten.“ Für Neubert einer der Höhepunkte auf seiner Reise. Natürlich sei Delgadillo auch Teil der Porträtreihe, die der Altenstädter Hobby-Fotograf anfertigte: „Wenn nicht er da reingehört, wer dann?“
Aber auch brenzlige Situationen hat Tobias Neubert erlebt. „Ich hätte die jetzige Reise fast nicht überlebt“, sagt er beiläufig. „Beim Fotografieren auf einer Brücke in Oklahoma City ist ein Autofahrer vier oder fünf Meter neben mir frontal in die Mauer reingefahren.“ Handy-Fotos belegen: Das hätte für den Altenstädter schlimm ausgehen können. Doch er hatte Glück.
War es das nun für ihn mit der Route 66? Der 35-Jährige zögert. „Für längere Zeit erst einmal ja.“ Aber die Vorstellung, vielleicht nie wiederzukommen, fällt ihm sichtlich schwer. „Vielleicht fahre ich ja irgendwann noch einmal Teilabschnitte ab.“
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Es gibt die legendäre Route 66 eigentlich gar nicht mehr. Die knapp 4000 Kilometer lange Originalstraße mit den Spitznamen „Mother Road“ oder „Main Street“ führte von Chicago nach Los Angeles und war eine der ersten vollständig befestigten Fernstraßen zur Westküste der USA. Mit den Jahren wurde der wachsende Verkehr zu viel für die oft einspurige, kurvenreiche Straße. Deshalb wurden teils parallel zur Route 66 oder direkt über die ursprüngliche Straßenbefestigung Fern- und Umgehungsstraßen gebaut. Durchgängig befahrbar ist die Strecke längst nicht mehr.
1985 wurde die Bezeichnung Route 66 aufgehoben. Tobias Neubert hat seine Route monatelang geplant, „damit ich möglichst viel von der ursprünglichen Strecke fahren kann“.
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