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Aids, Armut, Afrika

Besuch bei den Oberpfälzer Klosterschwestern im Nkandla-Hilfsprojekt

Story by Onetz March 9th, 2017

Weder Elton John noch den Nabburger Bürgermeister Armin Schärtl hat sie kalt gelassen: Die Arbeit der Mallersdorfer Klosterschwestern aus der Diözese Regensburg im Aids-Gebiet Nkandla in Südafrika. Tief bewegt gab sich Schärtl nach seinem Besuch im Sizanani-Center.

Von Dominik Konrad

Bischof Josef Lobinger wollte nicht mehr nach Deutschland kommen, nachdem er in Südafrika einen Unfall gehabt hatte. Der 88-jährige gebürtige Nabburger ist seit 2015 Ehrenbürger der Stadt. Als Zeichen dafür sollte er eigentlich noch eine Urkunde erhalten. Über dieses Problem unterhielten sich der Nabburger Pfarrer Hannes Lorenz mit Bürgermeister Schärtl. „Wenn Dr. Lobinger nicht mehr kommen kann, müssen wir halt zu ihm“, sei die geteilte Auffassung gewesen. Gemeinsam planten sie eine Reise nach Südafrika. Dabei wollten sie nicht nur den pensionierten Bischof von Aliwal-North und ehemaligen Leiter des Lumko-Instituts in Johannesburg treffen. Vor allem reisten sie mitten in das alte Königreich Zululand. In der heutigen Provinz KwaZulu-Natal arbeiten seit fast 60 Jahren die Schwestern des Klosters Mallersdorf.

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Über den Besuch von Armin Schärtl (Zweiter von rechts) und Pfarrer Hannes Lorenz (Dritter von links) freuten sich die Klosterschwestern.

Klicken an den Zähnen

In der heutigen Provinz KwaZulu-Natal arbeiten seit fast 60 Jahren die Schwestern des Klosters Mallersdorf. Darunter die Oberpfälzerinnen Ellen Lindner aus Floß, Eobarda Ries aus Legendorf bei Schnaittenbach, Edith Hassler aus Kümmersbruck und die Geschwister Michelis und Sola Schaumann aus Altmühl-Münster.

Während Pfarrer Lorenz bereits zum zweiten Mal mit seiner Hausfrau Sabine Hayn nach Südafrika reist, war es für Christine und Armin Schärtl die erste Tour. Eine gute Woche lang besuchte die Gruppe die Hilfsstation. Vor mehr als zehn Jahren hatten die Franziskanerinnen das Sizanani-Outreach-Programm gegründet. Das Wort „Sizanani“ bedeutet so viel wie „Wir arbeiten zusammen.“ Über die Jahre bauten die Schwestern ein Waisenhaus auf und gründeten ein Ausbildungszentrum zur Selbsthilfe. Vom Sizanani-Center aus fahren Sozialarbeiter in die Region. Etwa 1000 Familien erreicht das Hilfszentrum in einem Gebiet mit rund 100 000 Einwohnern.

„Nkandla“ heißt der Ort, von dem aus die Jeeps sich zu den teils einstündigen Touren auf unbefestigten Straßen zu den Familien aufmachen. Der Name der rund 3500 Einwohner fassenden Stadt lässt sich mit unseren Buchstaben nicht korrekt wiedergeben. Das „Nk“ stehe für ein Klicken an den Zähnen, erläutert Hayn. „Das ,L’ ist eigentlich ein ,Ch’“, sagt sie. Wobei das ,Ch’ ein bisschen so klingt als würde man beherzt eine Tasse Tee schlürfen.

Ein Kaktus dient als Wäscheständer. Die zwei Toilettenhäuschen im Hintergrund gelten als großer Fortschritt in der Infrastrukturentwicklung.
Etwas mehr als 3 Euro kostet ein Stapel mit Lebensmitteln. Das reicht einer Familie für zwei bis drei Wochen.
Schüler müssen täglich mehrere Kilometer zur Schule gehen. Drei Paar Schuhe brauchen die Kinder im Jahr. Das Geld kommt aus Spenden.

Armut neben Luxus

Auch sonst ist in Südafrika vieles anders: Die Gemeinde Nkandla ist zersiedelt: Dörfer oder Städte gibt es nicht. Zwei oder drei Familien wohnen in den sogenannten „Homestates“ in jeweils vier bis fünf Hütten zusammen. Sie teilen sich einen Gemüsegarten und einen Stall für die Tiere. Trampelpfade und Feldwege verbinden die Homestates. Die Wohnräume sind nach Geschlechtern getrennt.

Es könne auch vorkommen, dass nur eine Familie in einem Homestate lebt, erläutert Pfarrer Lorenz. „Je nachdem, wie viele Frauen ein Zulu-Mann hat.“ Er erinnert sich an den Medizinmann Kandile: „Der hat vier Frauen gehabt, 24 Kinder und 23 Enkel.“

Die Hälfte der Menschen in der Region ist HIV-positiv. „Nahezu eine gesamt Elterngeneration ist durch Aids ausgefallen“, erläutert Lorenz. „Viele Kinder wachsen bei den Großeltern auf.“ 80 Prozent der Menschen in der Region Nkandla sind arbeitslos. „Auf dem Land gibt es keine Arbeit“, hat der Stadtpfarrer bei seinem Besuch festgestellt. „Du musst Glück haben, wenn auf dem Boden ein bisschen was wächst.“ Einige Menschen arbeiten als Taxifahrer und das Sizanani-Programm selbst beschäftigt etwa hundert Sozialarbeiter.

In der Gemeinde lebt auch der südafrikanische Staatspräsident Jacob Zuma. Er besitzt eine riesige eingezäunte Ranch mit Hubschrauberlandeplatz. Seit einiger Zeit steht er politisch unter Druck, nicht zuletzt deshalb, weil er dieses Anwesen auf Staatskosten hat renovieren lassen.

Man ordnet danach die Dinge zu Hause mit anderen Augen ein. - Bürgermeister Armin Schärtl
Die Region um Nkandla ist zersiedelt. Städte und Dörfer gibt es nicht.
Nkandla liegt im ehemaligen Zulu-Land, im Osten Südafrikas. Bild: Google Maps

Zu Beginn ihres Besuches war die vierköpfige Gruppe im Sizanani-Waisenhaus. 35 Kinder leben dort. „In Südafrika versucht man erstmal, die Waisen bei Verwandten oder Nachbarn unterzubringen. Ins Heim kommen sie, wenn jede Sozialstruktur ausfällt“, hat Lorenz erfahren.

Fast eine gesamt Generation ist durch Aids ausgefallen. - Pfarrer Hannes Lorenz

Zur Begrüßung verteilen Schärtl und er Luftballons an die Kinder. „Die haben sofort mit dem Kicken angefangen“, erinnert sich der Pfarrer. „Nach zehn Minuten ging es ,zack’, ,zack’, ,zack’ in der Hütte hin und her“, ergänzt Hayn. Und sie hätten gesungen: „What a beautiful Day“. Das hat Schärtl sogar gefilmt.

Im Jahr 2005 erschien ein Film über die Waisen von Nkandla. Elton John, der seit Jahren Aids-Stiftungen unterstützt, erfährt in einer Fernsehsendung von der Arbeit der Klosterschwestern. Er besucht sie und bringt eine Überraschung mit. Er übergab der damals sehr erfreuten Schwester Ellen Lindner aus Floß einen nagelneuen Nissan Geländewagen.

Dreck und Entzündung

Regelmäßig besuchen die Sozialarbeiter die Familien im Zulu-Land. Sie bringen Essen und Medikamente. Außerdem stellen sie sicher, dass die Kinder in die Schule gehen. Sind die Familien aus dem Gröbsten raus, beraten die Sozialarbeiter bei der Renovierung der Lehmhütte, beim Sparen oder bei Rentenanträgen. Für die Fahrten in die entlegenen Winkel der Gemeinde brauchen die Angestellten des Sizanani-Centers Geländewagen. Die Route führt über breite Feldwege. Es sind die einzigen Straßen der Region.

Auch Schärtl und Lobinger begleiteten die Sozialarbeiter auf ihren Touren. Pfarrer Hannes Lorenz berichtet vom Schicksal einer Familie: Die Sozialarbeiter hätten die 84-jährige Uroma der beiden Kinder besucht. „Ich habe keine Kraft mehr“, hätte sie zu Beginn gesagt. Ihre Enkel hatte sie bereits alleine aufgezogen, weil ihre Tochter gestorben ist, vermutlich an Aids. Später ist eine Enkelin mit zwei Kindern zu ihr zurück gekommen. Sie floh vor ihrem Mann. Eines Tages ist der gekommen und hat die Enkelin erstochen. „Jetzt fehlt die Mutter für die Kinder und die Pflege für die Uroma“, sagt Lorenz. Mittlerweile ist der Onkel eingezogen, um der Familie zu helfen.

Eine Erfahrung lässt auch Schärtl bis heute nicht los: „Eine Frau saß fast nackt auf einer schmuddeligen Decke und hat gewimmert. Sie hatte eine Entzündung an der Brust und gesagt sie kann nichts tun, nicht aufräumen oder kochen und die Kinder kommen gleich von der Schule“, erinnert er sich. Am nächsten Tag sind dann einige Sozialarbeiter dort hinausgefahren und haben sich gekümmert. Sie haben aufgeräumt und Essen gebracht. „Man ordnet danach die Dinge zu Hause mit anderen Augen ein“, sagt der Bürgermeister. „Für mich war es eine Lebenserfahrung.“

Pfarrer Hannes Lorenz hat das Schicksal der 84-jährigen Uroma sehr bewegt. Sie muss sich alleine um ihre Urenkel kümmern.

Weitere Informationen

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In der Region um Nkandla sind viele Menschen mit HIV infiziert. Laut Auskunft der Internetseite des Projekts, Hilfe-macht-mut.de, auch 15.000 Kinder. Die Elterngeneration ist fast ausgestorben. Viele Waisen sind sich selbst überlassen oder werden von ihren Großeltern oder Geschwistern erzogen. Seit 60 Jahren engagieren sich die Mallersdorfer Schwestern bereits in der Region. Sie schaffen neuen Mut, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. „Hilfe macht Mut“ finanziert sich ausschließlich über Spenden. 25 Euro versorgen eine Mutter mit drei Kindern einen ganzen Monat lang mit Lebensmitteln und die Kinder können zur Schule gehen.

Die Arbeit des Sizanani-Programms können Sie unterstützen. Spenden Sie dafür an die LIGA Bank Regensburg, Kloster Mallersdorf. Kontonummer: 1171887; BLZ: 75090300; Kennwort „Südafrikahilfe-Nkandla. Spendenquittungen erhalten Sie unter der E-Mailadresse generalat@mallersdorfer-schwestern.de.

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